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ZEITEN & ZEICHEN

MDR KULTUR Café mit Hubert von Goisern

MDR 11. Oktober 2020 | Foto: MDR/Holger John

Hubert von Goisern2020 sollte ein künstlerisches Super-Jahr für den Musiker, Komponisten und Autor Hubert von Goisern werden: Im Frühjahr erschien sein erster Roman, nach mehrjähriger Pause auch ein neues Album Zeiten & Zeichen und in der zweiten Jahreshälfte wollte er endlich wieder mit seiner Band auf Tournee gehen. Corona machte bei der Tournee einen Strich durch die Rechnung.

Im MDR KULTUR-Café erzählt Hubert von Goisern im Gespräch mit Thomas Bille von seinem neuen Album, erklärt, warum er als leidenschaftlicher Leser auch mal selbst etwas schreiben wollte und warum Nina Hagen ein großes Idol für ihn ist. Und: warum er gar nicht so traurig darüber ist, dass die Tournee vorläufig auf das kommende Jahr verschoben werden musste.

Album Check: Hubert Von Goisern - Zeiten & Zeichen

Südtirol1 29. September 2020

Dieser Musiker hat sich noch nie damit begnügt einfach nur Musik zu machen. Hubert von Goisern hat immer schon Musik erschaffen. Das Ergebnis seines letzten Schaffens hören wir gerade im neuen Album Zeiten & Zeichen.

Mit seinen Jodlern und Songs wie Koa Hiatamadl und Heast as net erschaffte sich Hubert von Goisern vor knapp 30 Jahren seine eigene, völlig neue musikalische Nische. Aus dem Ziachorgl-Pop von damals ist längst eine eigene Musikrichtung gewachsen - und Hubert von Goisern ist seit seinen Anfängen doch immer wieder nochmal einen Schritt voraus.

Mit Zeiten & Zeichen hat der Österreicher vor wenigen Wochen sein 15. Studioalbum veröffentlicht. Und wer den Musiker und seine Leidenschaft für musikalische Experimente und Vielfältigkeit kennt, der weiß genau, dass auch dieses Album ein Feuerwerk an Kreativität abschießt. Die Musik ist absolut neu, uneinordenbar, teilweise schwierig, dann wieder einfach nur schön und durch die Bank nie einfach nur da um da zu sein. Jeder Ton sitzt an der für ihn gedachten Stelle, jede Zeile spricht für sich und jeder Jodler klingt so, als wäre er für genau diese Songs erfunden worden.

Neues von Hubert von Goisern: "Zeiten & Zeichen"

WDR 4 22. September 2020 | Foto: Hubert von Goisern

Hubert von Goisern: "Ich suche Ausnahmezustände"

Münchner Merkur 19. September 2020 | Text: Michael Schleicher | Foto: © Oliver Blodmer

In diesen Tagen wäre seine Tournee gestartet, nach vier Jahren Pause wollte Hubert von Goisern wieder auf die Bühne. Corona hat das verhindert, vorerst. "Es ist jetzt ausgefallen, aber das heißt nicht, dass es nicht stattfindet", sagt der 67-Jährige. "Corona ist wie das Wetter. Es hat keinen Sinn, sich darüber zu echauffieren, dass es gerade nicht aufhört zu regnen."

Doch auch ohne Konzertzirkus ist im Leben des Österreichers viel geschehen. Im Frühjahr erschien sein Debütroman: Flüchtig wurde von Publikum und Kritik begeistert gelesen. Mit Zeiten & Zeichen hat Hubert von Goisern zudem gerade sein erstes Studioalbum seit fünf Jahren vorgelegt. Corona hin, Tour-Verschiebung her: Zeit für ein Gespräch.

Hubert von GoisernIm neuen Album steht, dass es Sie bereits im Herbst 2019 "vor dem Jahr 2020 gegraust" hat.

Das war ein Gefühl, das ich nicht benennen konnte. Ich habe es darauf zurückgeführt, dass ich mit Flüchtig meinen ersten Roman rausbrachte – und nicht wusste, ob ich zerrissen werde.

Was nicht geschehen ist.

Stimmt. Aber ich wusste eben nicht, wie die Reaktionen ausfallen, wenn ein Musiker zum Schriftsteller wird. Außerdem habe ich am Album gearbeitet und war unsicher, was herauskommen wird. Und wir wollten auf Tour gehen.

Sie hatten Sorge, dass es zu viel werden könnte?

Ja, dass ich den Arbeiten in ihrer Größe und Dichtheit nicht gewachsen sein könnte. Ich habe mich in den letzten vier Jahren zurückgezogen und mich in dem kreativen Alleinsein sehr wohlgefühlt.

Die Ausgangsbeschränkung während Corona war da für Sie leicht zu ertragen?

Ja. Ja, das ist der Normalzustand für mich. Plötzlich hat er für alle gegolten. (Lacht.)

Viele Menschen sagen, sie hätten in dieser Zeit bewusster gelebt. Sie auch?

Für mich war das – wie für alle anderen auch – ein wirklicher Ausnahmezustand. Mir ist das entgegengekommen, denn ich suche Zustände und Empfindungen, die neu sind, die mich an meine Grenzen bringen, sodass ich kreativ werden muss, um damit zurechtzukommen. Das war insofern ein Geschenk.

Wenn Sie bei der Arbeit am Roman eine Pause brauchten, haben Sie Zuflucht in der Musik gefunden. Klingt das neue Album deshalb so abwechslungsreich?

Ja. Eigentlich habe ich während der ersten Schreibphase nicht am Album gearbeitet. Aber ich habe mich immer wieder am Instrument gefunden und gedacht: "Ach, das ist aber lässig. Was mach' ich da eigentlich? WAS MACH' ICH DA EIGENTLICH?! Ich sollte doch schreiben!" Aber ich habe die Dinge notiert, die mir gefallen haben. So sind sehr viele musikalische Einfälle zu denen gekommen, die schon da waren. Eine Nummer, die urlange in meinem Kopf war, ist die Goethe-Vertonung Glück ohne Ruh. Die stammt von '87. Die anderen basieren auf Ideen, die über vier Jahre daherkamen. Dadurch sind in der Musik so viele verschiedene Lebensgefühle drin, die man eben im Lauf der Zeit hat.

Was wäre hinzugekommen, wenn es Corona schon gegeben hätte, während Sie an der Platte gearbeitet haben?

Das kann ich nicht sagen. Obwohl sehr viel Ernsthaftigkeit, Düsternis, auch Abgründiges drinnen ist, gerade in den ersten drei Titeln, hat das Album dennoch eine Leichtigkeit. Ich weiß nicht, ob ich diese Leichtigkeit hineingebracht hätte, wenn es in der Corona-Zeit geschrieben worden wäre.

Sie haben die ersten drei Titel erwähnt. Ich würde gern über den ersten Song, Freunde, sprechen: eine berührende Verneigung vor dem im KZ ermordeten Librettisten Fritz Löhner-Beda.

Der Tenor Andreas Schager und ich wollten was gemeinsam machen – und haben uns auf dieses Lied geeinigt. Als ich schaute, ob die Bearbeitungsrechte frei sind, bin ich auf den Namen Löhner-Beda gestoßen. Ich kenne die Musik von Franz Lehár, für den er viel geschrieben hat, in- und auswendig, habe mich aber nie ums Kleingedruckte gekümmert. Als ich gesehen habe, dass Löhner-Beda 1942 gestorben ist, war klar, dass sich dahinter ein schlimmes Schicksal verbergen muss. Ich habe sein Leben recherchiert, danach wusste ich, dass ich die Nummer nicht so machen konnte, wie ich es vorhatte. Entweder erzähle ich seine Geschichte – oder ich lass es ganz. Ich habe mich für Ersteres entschieden, aber es war eine schlimme Zeit, das zu durchdringen in all seiner Tragik und dem Wahnsinn.

Inwiefern?

Ich habe um die nationalsozialistische Zeit immer einen Bogen gemacht. Ich weiß, dass es sie gab – aber ich suche die Themen nicht, weil mich das runterzieht. Jetzt hat sich diese Geschichte vor mir auf den Boden gelegt, und ich habe sie aufgehoben und mich mit ihr beschäftigt.

Im Lied geht es um die Freundschaft zwischen Löhner-Beda und Lehár – und wie sie zerbricht. Was bedeutet Ihnen Freundschaft?

Freundschaft ist etwas ganz, ganz Wichtiges. Und das Wichtigste an ihr ist das Moment des Korrektivs. Mindestens so wichtig wie ein positives Feedback von seinen Freunden zu bekommen, ist, dass man ein Feedback bekommt, wenn man nicht auf dem richtigen Weg ist. Ohne den Anspruch zu haben, dass man erhört wird. Aber es gibt Situationen, in denen man eine Aussprache oder einen Halt nötig hat – dafür braucht man Freunde.

Stichwort: Halt geben. Müssten wir uns heute stärker füreinander einsetzen?

Ich glaube, wir müssen uns als Gesellschaft engagieren für die Schwachen und jene, denen es nicht gut geht. Ich bin fassungslos, wenn ich Berichte sehe über Leute, die zu den Tafeln gehen müssen, um Lebensmittel geschenkt zu bekommen. Es ist unglaublich, dass es auf einem reichen Kontinent wie Europa Armut gibt! Da müssen wir alle solidarisch sein, teilen, unterstützen. Nur weil wir jetzt wegen Corona zwei Monate die Produktion zurückgefahren haben, heißt das nicht, dass wir arm geworden sind. Das Geld verschimmelt doch auf irgendwelchen Islands.

So politisch wie in den ersten drei Liedern des neuen Albums waren Sie noch nie, oder?

(Denkt nach, dann zögerlich.) Ja.

Sie zögern?

Ich mag eigentlich keine Singer-Songwriter, die politische Lieder schreiben – oder auch christliche. Ich finde es wahnsinnig mühsam, wenn jemand Musik mit einer Botschaft vergewaltigt. Musik ist viel größer als Politik und auch als Religion. Aber mit zunehmendem Alter setzt man sich in zunehmendem Maße mit der Gesellschaft auseinander und merkt, dass man nicht nur Beobachter ist, sondern auch Akteur. Ich habe schon das Gefühl, dass ich auf die Dinge, die mich beschäftigen, reagiere und sie zum Klingen bringe.

Was ist dann zuerst da? Musik oder Text?

Die Musik. Sie erzählt mir die Geschichte.

Ihre bislang letzte Tour liegt vier Jahre zurück. Was gibt es Ihnen, sich immer wieder solche Auszeiten zu gönnen?

Ich mache Dinge immer zu 100 Prozent – wenn ich zum Beispiel auf Tour bin, bleibt der Rest des Lebens stehen. Ich habe keine Zeit für Freunde, fürs Skifahren oder um in die Berge zu gehen. Das ist okay – solange ich mir irgendwann die Zeit nehme, das nachzuholen. Ich schaffe es nicht, mich dünn aufs Brot zu streichen und nur ein paar Konzerte zu spielen, um zwischendurch anderes zu machen. Da bin ich ein Trennkostler. (Lacht.)

Als wir uns das letzte Mal gesprochen haben, erzählten Sie von zwei Ihrer Träume: einen Roman zu schreiben und eine Oper zu komponieren. Der Roman ist da – kommt jetzt die Oper?

Ich weiß es nicht. Als Nächstes kommt die Tour. Und wenn die vorbei ist, überlege ich mir, was ich dann mache.

Reizt Sie die Oper als Kunstform noch?

Es erschreckt mich die Arbeit, die dafür notwendig ist. Das überwältigt mich, und ich denke: Das kriege ich nicht hin. Solange ich mir das denke, werde ich mich nicht hinsetzen und damit beginnen. Dafür muss ich schon das Gefühl haben, dass es sich ausgehen wird.

Mr. Heimatsound

Bayern 2 17. September 2020

Caro Matzko im Gespräch mit Hubert von Goisern

Der Musiker rockt mit seinen Jodlern und seiner Harmonika die alpenländischen Bühnen. Sein neues Album heißt Zeiten und Zeichen und mit Flüchtig hat er nun auch seinen ersten Roman veröffentlicht.

Hubert von Goisern: "Wir müssen solidarischer werden"

Abendzeitung 14. September 2020 | Text: Volker Isfort

Musiker und Autor Hubert von Goisern hat nach fünf Jahren Pause mit "Zeichen & Zeiten" wieder ein Studioalbum veröffentlicht.

Herr von Goisern, wann war Ihr letztes Konzert?

Das weiß ich ganz genau: 26. Oktober 2016 - am österreichischen Nationalfeiertag.

Vermissen Sie das Publikum?

Nein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich fiebre wahnsinnig auf die Tournee hin, die wir jetzt ins kommende Jahr verschieben mussten. Aber der Applaus ist wie eine Droge: Wenn man sie dauernd nimmt, vermisst man sie sofort, aber wenn man so wie ich immer wieder eine Zäsur hat, dann ist - nach der Abgewöhnungsphase - das Leben ohne Publikum und Konzerte auch ein sehr schönes.

Freunde, das erste Stück des Albums, in dem auch Heldentenor Andreas Schager auftritt, thematisiert das Schicksal von Nazi-Günstling Franz Lehár und seinem Librettisten Fritz Löhner-Beda, der in Auschwitz starb. Das ist mal ein Auftakt für ein Album!

Ja, das Stück fällt über einen her wie ein Unwetter. Ich wollte die Nummer so, wie sie nun ist, musikalisch umsetzen, mit Rap und Operette, und hatte schon eine Textidee: dass wir in einer unglaublich opulenten Welt leben, und alles haben für ein schönes und lebenswertes Leben. Und trotzdem wird die ganze Zeit gesudert. Und dann musste ich schauen, wie das mit den Rechten für den Refrain ist. Ich bin dann beim Namen des Librettisten, den ich gar nicht kannte, auf das Sterbedatum 1942 gestoßen. Da läuten natürlich schon die Glocken. Bald wusste ich auch, dass ich das Lied nicht mehr so machen konnte wie ursprünglich gedacht. Ich musste Löhner-Bedas Geschichte erzählen.

Damit ist noch nicht geklärt, wie der Rapper Dame ins Spiel kam.

Mein Manager Hage meinte, als er mich gehört hat, ich solle einen Rap-Kurs nehmen. Ich finde das nach wie vor eine vermessene Ansage! Ich habe dann in der Zeitung einen Artikel über einen Salzburger Rapper gelesen und ihn kontaktiert. Er kam vorbei und hat gesagt "Passt eh. So wie Du rappst, hat man das vor zwanzig Jahren gemacht." Es interessiert mich aber nicht, so fast militärisch-zackig immer auf dem Beat drauf zu sein. Ich breite lieber meine Flügel aus und fliege dazwischen. Den Groove, den mein Gesang hat, finde ich nicht schlechter, er ist nur anders. Und so rappen wir nun halt beide auf dem Song.

Es gibt Novemberpferde, Eisbären, Grönlandhaie und andere Tiere auf Ihrem Album. Steckt eine Art Arche-Gedanke dahinter?

Nein, das ist einfach so passiert. Aber ich lebe am Puls der Natur. Ich teile Jane Goodalls Ansicht, die immer sagt, die Trennlinie zwischen Mensch und Tier ist keine scharfe, sondern eine sehr verwischte, die sich zudem immer ändert. Und wenn man selber auch Haustiere hat und viele Tiere in der Natur beobachtet, dann spürt man schon sehr viele Gemeinsamkeiten.

Sie schreiben die Texte immer erst, wenn die Musik schon da ist, warum?

Die Musik kommt einfach daher, die erzählt mir auch die Geschichten, die in diesen Melodien drinnen sind. Es ist eigentlich leichter, Texte zu vertonen, als Musik zu vertexten. Aber mein Weg ist halt anders.

Das Album hat ein gewaltiges Spektrum an verschiedenen Musikstilen.

Die Vielfalt trage ich eigentlich immer in mir. Und dann entscheide ich halt, welchen Teil des Feldes ich bestellen will. Das hat sich dieses Mal bedingt durch das Schreiben des Romans. Anfangs habe ich bei Schreibblockaden immer wieder zu Musikinstrumenten gegriffen, dann kamen musikalische Ideen, die ich aber nicht vertiefen konnte, weil ich den Roman fertigschreiben wollte. Ich habe dann die Idee festgehalten, das Instrument weggesperrt und bin wieder zurück an den Schreibtisch. Auf diese Ideen konnte ich dann zurückgreifen, als ich den Roman beendet hatte.

Obwohl das Album so viele Spektren abdeckt, kann ich keinen Wiesnhit 2021 darauf erkennen. Eine bewusste Entscheidung?

Ich habe gar nichts dagegen, wenn meine Lieder auf der Wiesn gespielt werden. Ich glaube auch nicht, dass die Botschaft dadurch verdreht oder missbraucht wird. Wenn ich singe, dass man den Weizen gefälligst essen und nicht zu Treibstoff verarbeiten soll, dann ist es doch genau das, was auf der Wiesn geschieht: Der Weizen wird getrunken.

Es gibt neben den schweren, politischen Songs auch viele kauzige Nummern auf dem Album.

Ich kann auch lustig sein, auch wenn das manche Menschen nicht wahrhaben wollen. Das ist so ein Running Gag in der Familie: Der Papa glaubt immer, er sei so lustig. Ich finde es ganz, ganz wichtig, dass man sich auch den Humor bewahrt.

Kaum eine Bevölkerungsgruppe ist durch Corona so in ihrer Arbeit behindert wie die freischaffenden Künstler. Haben Sie gespürt, dass die Laune unter Ihren Kollegen schlechter wird und manche in Verschwörungstheorien abdriften?

Es sind nicht unbedingt die gebeutelten Künstler, die in Verschwörungstheorien abdriften. Mir fällt da jetzt eigentlich nur einer ein, und der ist so erfolgreich, dass der Lockdown für ihn keine Krise bedeuten kann. Es ist nicht nur für die Künstler hart, sondern für die ganze Veranstaltungsbranche, die Techniker und was so alles dranhängt. Es ist eine unheimlich zähe Zeit und es wird sicherlich einiges an Verlusten geben.

Hubert von Goisern im Corsogespräch

Corso 12. September 2020

"Wenn wir nicht die Weichen stellen, tut es das Schicksal"

Tennengauer Nachrichten 3. September 2020 | Text: Matthias Petry | Foto: © SW/Petry

Anlässlich seines neuen Albums spricht Hubert von Goisern über seinen Umgang mit der Corona-Zeit. Was können wir Positives daraus mitnehmen, wie wichtig ist Kultur gerade jetzt und wie erlebt er diese Zeit persönlich?

Am 28. August veröffentlichte "der Goiserer" sein neuestes Album – ein 75-minütiges Opus, stilistisch vielseitig wie selten zuvor. Anfang August vergab er in Hallein den von ihm gestifteten Hubert-von-Goisern-Kulturpreis – aufgrund der besonderen Umstände an doppelt so viele Künstler wie bisher.

Hubert von GoisernGrade für die Kulturschaffenden sind es harte Zeiten. Wie wichtig ist da ein Zeichen wie dieser Kulturpreis?

Ich habe mich für jeden Preisträger mitgefreut. Diese Buntheit, die man an diesem Abend erleben konnte, ist etwas Inspirierendes, und noch viel mehr, wenn man sich die 171 Einreichungen durchgelesen hat. Da siehst du, wie groß das Pouvoir an kreativen Leuten in dieser Welt ist.

In Zeiten wie diesen, was kann Kultur da bringen?

Wir sind mehr auf uns selbst zurückgeworfen, und da steckt auch eine Chance drinnen, ein paar Dinge zu hinterfragen. Wir leben in einer Welt, die sehr spe zialisiert geworden ist. Auf der einen Seite gibt es die Leute, die professionell auf der Bühne stehen, und es gibt professionelle Zuhörer. Das finde ich eigentlich schade, das muss durchlässiger werden. Es wäre schön, wenn die Menschen selbst wieder mehr singen und musizieren. Dasselbe gilt für den Sport. Da sind wir professionelle Zuschauer geworden, aber bewegen tut sich nur noch ein ganz kleiner Teil. Das lehrt uns jetzt diese Zeit, wir haben die Möglichkeit, uns zu hinterfragen, und wenn das kulturelle Angebot nicht da ist, selbst die Stimme erklingen zu lassen.

Wie haben Sie den Corona-Lockdown erlebt, mitten in der heißen Phase der Album-Produktion?

Ich war in Arbeitsquarantäne mit meinem Produzenten, Toningenieur und Co-Produzenten Wolfgang Spannberger. Wir hatten alles im Kasten, es gab nur ganz wenige Aufnahmen, um die wir kämpfen mussten: Christoph Sietzen (Percussionist, Anm.) haben wir in einem riesengroßen Rittersaal im Schloss Steyregg aufgenommen, weil drei Leute auf 150 m2, da kann nichts passieren. Und den Tenor Andreas Schager haben wir in einem Wald am Semmering aufgenommen. Aber diesen Teil der Produktion hätten wir sowieso zu zweit gemacht. Und es war auch irgendwie schön, ungestört arbeiten zu können. Normalerweise schneit es immer mal wen rein ins Studio, hallo, wie geht's, wollte nur mal reinhören usw. Das war jetzt alles nicht, und das war auch schön.

Die Corona-Maßnahmen der Regierung wurden heiß diskutiert. Wie haben Sie das empfunden, wurde das gut gehandhabt?

Ich finde schon. Vielleicht sind wir ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen, aber lieber so als zu wenig. Man hat ja gesehen, was passiert, wenn das schlampig gehandhabt wird. Und ich denke mir, unsere Gesellschaft ist so reich, wir haben so viele Reserven. Die sind jetzt nicht gut verteilt, keine Frage, aber sie sind da, und diese Umverteilung muss einfach stattfinden. Wir können uns das leisten, dass wir einmal zwei Monate nichts produzieren. Wo samma denn?

Hat sie das überrascht, wie die Gesellschaft reagiert hat? Anfangs der Zusammenhalt, jetzt Verschwörungstheorien, Maskendiskussionen etc.?

Na ja, die Verschwörungstheorien gab's ja schon ganz am Anfang. In meinem Bekanntenkreis waren auch ein paar dabei, ich hab die dann irgendwann geblockt, weil mir das einfach auf den Nerv ging. Es ist ja nichts, was einen nur selbst betrifft, wenn man schlampigen Umgang hat, sondern man gefährdet ja auch andere. Wir müssen jetzt einfach lernen, uns die eigenen Grenzen zu setzen. Nicht einfach nur an die Regeln halten, sondern sagen, was finde ich gescheit, was ist für mich notwendig und wo ist ein Risiko dabei, aber das gehe ich jetzt ein, weil das Leben muss trotzdem weitergehen. Wir können uns ja nicht in eine Zelle einsperren und da warten, bis alles vorbei ist.

Kann man aus so einer Krise auch etwas Positives mitnehmen? Gerade in der Kultur, wo es speziell schwierig ist?

Ja, wir müssen, es liegt an uns, etwas Positives mitzunehmen. Künstler zu sein und für die Musik zu leben, das ist wie ein Glaubensbekenntnis, a bissl wie eine Religion. Du lebst dann für die Musik und nicht von der Musik. Wenn sich beides ausgeht, super. Aber es gab auch eine Zeit, als ich von meiner Kunst nicht leben konnte, da hab ich halt den Fremdenführer gemacht, Ski verkauft etc. Ich kann nicht sagen, ich will, dass die Gesellschaft oder die Zeit, in der ich lebe, meinen Traum ermöglicht. Das muss ich schon selbst machen.

Es gab ja die Hoffnung, dass auch die Gesellschaft an sich etwas Positives aus der Krise mitnimmt. Teilen Sie diese Hoffnung oder ist das Träumerei?

(lacht) Ich habe diese Hoffnung. Wie viel davon Träumerei ist, weiß ich nicht. Wir müssen uns da einfach zusammenschließen und diese Forderungen gemeinsam stellen. Weil ich glaube, die Mehrheit der Leute weiß, wo es langgeht. Zum Beispiel, dass Kerosin nicht besteuert wird, wo samma denn? Das Fliegen muss den Preis haben, den es haben muss. Genauso die Schifffahrt – Schiffsdiesel ist auch steuerfrei. Das kann es alles nicht mehr sein. Es kann auch nicht sein, dass Milliarden und Billionen auf irgend welchen Inseln gebunkert werden und vor sich hin schimmeln, und wenn jemand produktiv ist, dann kann er davon nicht leben. Und wenn er Geld anlegt, schon. Da muss was passieren. Wenn wir die Weichen selbst nicht stellen, dann wird das Schicksal diese Weichen stellen.

Sie greifen in ihren Liedern oft gesellschaftliche Themen auf. Sprudeln bei einem kreativen Menschen in so einer Zeit nicht automatisch die Ideen?

Nein, bei mir nicht (lacht). Bei manchen vielleicht schon, das kann ich mir schon vorstellen. Aber ich habe jetzt grade ein Album fertig produziert und freue mich auf die Umsetzung, auch wenn's noch ein bisschen dauern wird, bis wir auf Tour gehen können. Ich habe jetzt zwei Jahre extreme Produktivität hinter mir und freue mich, jetzt wieder Sachen in mich aufzunehmen und nicht selbst produzieren zu müssen.

"Zeiten & Zeichen" – Hubert von Goisern deutet sie auf seinem neuen Album!

münchen.tv 15. September 2020

Hubert von Goisern im Kölner Treff

WDR 11. September 2020 | Foto: WDR/M. Grande
Hubert von Goisern

Kölner Treff: Interview mit HvG | Ganze Sendung

Goiserns Wundertüte

Landsberger Tagblatt 4. September 2020

Hubert von Goisern: Zeiten & Zeichen

Was für ein unfassbar trauriger Beginn für ein Album aus dem weitläufigen Pop-Universum! Hubert von Goisern erzählt im trippigen Eröffnungssong Freunde... die Geschichte von Fritz Löhner-Beda, der für den Operettenkönig Franz Lehàr die Texte schrieb – und als Jude von den Nazis in Auschwitz erschlagen wurde. Nach diesem harten Stoff öffnet sich eine wahre Goisern-Wundertüte. Der hat in die 74 Minuten einen Streifzug durch sein bisheriges, abenteuerfreudiges Schaffen hineingepackt. Er hüpft von Stil zu Stil, von Landler zu schwerem Hardrock, von Balladeskem zu Elektrobeats, von Mariachi-Klängen zum Jodler, zur Polka – und das ist jetzt nur ein grober Überblick. Offenbar hat Hubert von Goisern die Corona-Zeit genutzt, um mal alles rauszulassen, was in ihm drin steckt – und das ist nicht nur Melancholie und Ernsthaftigkeit, sondern auch viel Spaß. So vielfältig hat Goisern noch nie musiziert.

"Die Zeichen stehen auf Sturm!"

BR kulturWelt 28. August 2020 | Text: Barbara Knopf | Foto: © Stefan Wascher

Der österreichische Liedermacher und Sänger Hubert von Goisern hat selten Risiken gescheut. Erst rockte er mit den Alpinkatzen und brachte das Jodeln zurück in den Pop, jetzt hat er ein neues Album am Start: über das (Über-)Leben in Krisenzeiten.

Hubert von Goisern, benannt nach seinem Heimatort Bad Goisern am Hallstätter See, galt lange Zeit als Markenzeichen einer neuen Volksmusik, des krachenden, wuchtigen Alpenrocks. Aber da ist er nicht stehen geblieben, weder musikalisch noch inhaltlich. Er tourte durch Afrika, reiste nach Grönland und Tibet, traf den Dalai Lama und die Forscherin Jane Goodall oder brach auf zur Tour quer durch das östliche Europa auf der Donau bis zum Schwarzen Meer. Unter seinem bürgerlichen Namen Hubert Achleitner hat einen Roman geschrieben, der vor einigen Monaten erschienen ist. Flüchtig heißt er, und so flüchtig Hubert von Goisern erkundend durch die Welt streift, scheint er doch so etwas zu sein wie ein verwurzelter Weltbürger. Barbara Knopf hat mit Hubert von Goisern über sein neues Album Zeiten und Zeichen gesprochen.

Zeiten und Zeichen ist der Titel Ihres neuen Albums. Wie deuten Sie denn die Zeichen in diesen Zeiten?

Naja, sie stehen auf Sturm. Wir sind an einem Wendepunkt angelangt, denke ich. Die alte Ordnung zerbröselt und funktioniert eigentlich nicht mehr so richtig, und eine neue gibt es noch nicht. Wenn, wie in Amerika, nur mehr 50 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl gehen und von denen wählt nicht einmal die Hälfte einen Präsidenten, dann hat die Demokratie eine Achillesferse. Wenn sich, überspitzt ausgedrückt, die Narren zusammenschließen – sagen wir mal 25 Prozent – und die restlichen 75 Prozent sind sich nicht einig, weil sie Individualisten sind, dann werden uns diese 25 Prozent beherrschen. Und das ist einfach nicht gut. Ich glaube, wir müssen drüber nachdenken, wie wir zu einer Ordnung kommen, die wirklich allen gerecht ist.

Der Narr in Form des amerikanischen Präsidenten Donald Trump kommt auch in dem Song Sünder vor. Da nennen Sie ihn den "G'scherten". Gleichzeitig geht es um die Fridays for Future-Bewegung mit dem Satz "Die Kinder zeigen schon auf die Sünder". Sie sehen uns und unsere Gesellschaft als Sünder. Das ist ja schon eine sehr biblische Etikettierung?

Ja, das ist auch ein Gospel. Es ist ein altes Gospellied Sinnerman – es gibt eine ganz tolle Interpretation von Nina Simone. Diese Interpretation stand auch Pate für meine Umsetzung. Darum kommt dieses christliche Himmel-und-Hölle-Bild vor. Ja, es hat etwas Archaisches, auch die Bilder, die da beschworen werden von brennenden Wäldern und Landschaften und Untergang und Wahnsinn. Ich glaube, dass wir viel Mist gebaut haben in den letzten hundert Jahren. Es hat eine Ausbeutung dieser Erde stattgefunden, die uns letztendlich auch Wohlstand beschert hat. Aber sie hat auf dem Rücken von vielen Menschen und nicht nur Menschen, auch Kreaturen und Landschaften und der Natur, stattgefunden. Es muss jetzt ein Umdenken geben!

Man hört, dass Sie Ihr Album auch als eine Botschaft begreifen.

Naja, da gibt es diesen Spruch, ich glaube, er ist von Goethe: "Man merkt die Absicht und ist verstimmt." Wenn ich mich auf die Bühne stelle oder etwas veröffentliche, dann möchte ich schon, dass es nicht missbraucht werden kann. Da muss ich eindeutig meine Lebenshaltung darin widergespiegelt sehen. Das ist mein einziger Anspruch, dass ich nicht etwas sage und etwas Anderes tue.

Sie haben vorhin die Liedzeile von den "brennenden Wäldern" in dem Song Sünder erwähnt. Ich habe in der Pressemitteilung gelesen, dass Songs auch im Wald aufgenommen wurden. Stimmt das?

Ja, eine Passage oder zwei Passagen, und zwar von dem Tenor Andreas Schager in dem Lied Freunde. Das war während der Hoch-Zeit des Corona-Lockdowns. Den haben wir dann im Wald aufgenommen.

Freunde ist ein sehr ungewöhnlicher Song für ein Popalbum, finde ich. Mit dem Tenor Andreas Schager und auch mit dem österreichischen Rapper DAME. Spricht man den eigentlich englisch aus?

(Lacht) Ich weiß es nicht! Ich sag immer Mike zu ihm, weil er Michael Zöttl heißt. Immer nehme ich mir vor ihn zu fragen ...

Der Song ist jedenfalls ungewöhnlich. Es ist die Geschichte des Operettenkomponisten und Nazi-Günstlings Franz Lehàr, der seinen jüdischen Librettisten Fritz Löhner-Beda nicht vor der Deportation und damit nicht vor dem Tod gerettet hat. Warum wollten Sie diese Geschichte erzählen?

Ich wollte diese Geschichte nicht erzählen. Die Geschichte kam zu mir, und ich wollte sie nicht verschweigen. Mein ursprünglicher Gedanke war, das Lied so zu machen, wie es jetzt ist – nur mit einem anderen Inhalt. Aber eben mit diesem Groove und dem Refrain "Freunde, das Leben ist lebenswert". Weil ich wirklich finde: Corona hin oder her oder was sonst alles an Katastrophen passiert und der Menschheit immer widerfahren wird – das Leben ist lebenswert! So einen positiven Song wollte ich machen. Und dann habe ich gesehen, wer das Libretto geschrieben hat und habe angefangen mich einzulesen. Und hab' gemerkt, oje, oje, oje, das kann ich nicht mehr machen, nachdem ich weiß, was da passiert ist. Ich habe überlegt, ob ich es überhaupt machen soll, und dann doch Mut gefasst, okay, erzähl diese Geschichte. Denn sie steht ja stellvertretend für unglaubliche Abgründe der Menschheit, die wir nach wie vor in uns tragen. Nur weil wir nicht darüber reden oder weil wir diese Geschichten nicht erzählen, gehen sie nicht weg. Wir tragen das in uns.

Das Album hat eine sehr deutliche politische Haltung, aber man muss auch sagen, es sind ganz viele andere Facetten drauf. Es gibt zum Beispiel den Song Eiweiß, ein lustiges oder fast blödelndes Lied über Eisbären, in dem sozusagen die Polarstimmung auf mexikanische Mariachi-Trompeten trifft. Wie passt das in so ein Album?

Nun ja, das ist ein Bild, das im Grunde genommen mit dem Klimawandel zu tun hat. Die Karibik wandert immer weiter nach Norden, und der Eisbär, der einfach ein anderes Milieu braucht, um überleben zu können, gerät immer mehr unter Bedrängnis und findet nicht das, was es ihm möglich macht, weiterzuleben. Ich habe großen Respekt vor jedem Lebewesen, das außerhalb der Zivilisation oder eines Käfigs überlebt. Und ich finde es einfach schön, dass es das noch gibt. Und wir sollten uns wirklich bemühen, dass das erhalten bleibt, dass nicht nur der Mensch erhaltenswert ist.

Es gibt auch noch einen Themenkomplex, die Fantasie, die Poesie und natürlich auch die Liebe. Darauf verzichten Sie nicht?

Nein, nein, möchte ich auch nicht. Und rate ich auch niemanden.

Zum Beispiel dieses Lied Dunkelrot und Dunkelblau: Wenn ich mich richtig erinnere, ist es wie eine Spiegelung: es geht vom Ich zum Du, aber der Text ist ganz ähnlich.

Ja, das stimmt. Das ist wie Yin und Yang, wie die dunkle und helle Seite des Mondes oder auch der Liebe. Das eine schließt ja das andere nicht aus. Der Text für Dunkelrot war ursprünglich gedacht für die Musik zu Dunkelblau. Dann kam ein Hinweis meiner Frau, die sich sonst nie einmischt, nie etwas kommentiert! Sie hat gesagt: "Schade, so ein schöner Text und so eine düstere oder dunkle Melodie". Dieser Text hätte eine andere Melodie verdient. Und weil sie das eben in all den Jahren nie gemacht hat, hat mir das keine Ruhe gelassen, und ich habe mich damit auseinandergesetzt. Ich habe dann für den Text eine neue Melodie geschrieben. So kam Dunkelrot heraus. Und dann war Dunkelblau wieder ohne Text, und ich hab' mir dann gedacht, jetzt dreh ich das einfach: Die blaue Seite stelle ich der warmen gegenüber. Und so sind diese Zwillinge entstanden.

SWR1 Leute: Hubert von Goisern – Musiker und Autor

SWR1 4. September 2020

Podcast: Audio und Video herunterladen

"Hosenscheißer" Lehar, ein ewiger Hai und die Kulturhauptstadt-Intendanz

OÖN 28. August 2020 | Text: Lukas Luger

Ab April 2021 geht Hubert von Goisern mit seiner neuen Platte auf Tour.

17 Lieder in 75 Minuten. Mit dem heute erscheinenden neuen Album Zeiten & Zeichen legt Hubert von Goisern ein wild zwischen den Genres springendes Werk vor. Im Interview spricht der 67-Jährige über die Feigheit Franz Lehars, Burg Clam und seine Faszination für den Grönlandhai.

Eröffnet wird Zeiten & Zeichen mit dem ungewöhnlichsten Song des ganzen Albums, dem wild zwischen Operette und Hip-Hop changierenden Freunde. Ist es als Statement zu verstehen, dass Sie diese Nummer über das tragische Schicksal des Franz-Lehar-Librettisten Fritz Löhner-Beda direkt an den Anfang gesetzt haben?

Beim Zusammenstellen der Platte fand ich keinen besseren Platz. Freunde ist ein gewaltiger Brocken, Heldentenor trifft auf Rap. Wer die ersten drei Songs – Freunde, Sünder und Brauner Reiter – überstanden hat, darf sich den schönen Dingen des Lebens hingeben (grinst). Freunde war schwierig hinzukriegen. Die Nummer fährt deshalb so gach unter die Haut, weil sie zwei Elemente vereint: das Abgründige und die Lebensfreude. Wenn ich an Löhner-Bedas Buchenwald-Lied denke, drückt es mir sofort die Tränen raus. Dass jemand im KZ solche lebensfrohen Zeilen schreiben kann, ist unfassbar.

Franz Lehar wird im Song als "Hosenscheißer" bezeichnet.

Es ist keine Anklage gegen Lehar, die Sache ist komplex. Er war ja bereits 68 Jahre alt beim Einmarsch der Deutschen. Richard Tauber hatte ihm wegen seiner jüdischen Ehefrau nahegelegt, auszuwandern. Lehar konnte kein Englisch und hatte nicht die Kraft, in den USA neu anzufangen. Er entschied sich, den Kopf einzuziehen und sich nicht für seinen Freund Fritz einzusetzen, obwohl er bei den Nazis gut angeschrieben war. Vor 20 Jahren hörte ich eine Radiosendung über das allerletzte Interview Lehars. Bei der Frage nach Löhner-Beda brach er in Tränen aus und sagte, er hätte doch nichts gewusst. Das hat mich unfassbar geärgert. Nicht, dass er sich in diesem Terror-Regime nicht exponiert hat, sondern dass er später so tat, als hätte er halt keine Ahnung gehabt.

Sünder ist eine Dialekt-Bearbeitung des US-Spirituals Sinnerman. War es die berühmte Version von Jazz-Ikone Nina Simone, die Sie inspiriert hat?

Ja, ich bin durch den neuseeländischen Film Hunt For The Wilderpeople aufmerksam geworden. In einer Szene lief Sinnerman, und ich dachte: "Da haut's da's Heu owa!". Ich hatte wahnsinnig Angst, mit meiner Version "einzugehen". Durch die prägnante Marimba von Christoph Sietzen und den Beitrag von BartolomeyBittmann entfernten wir uns aber weit genug von Simones Klavier-Version. Auf der Platte landete die allererste Version, die wir einspielten. Den Spirit des ersten Takes haben wir nie wieder so hinbekommen.

"Es träumte einst ein Grönlandhai / Vom Urlaub vor Hawaii" – in den ersten Zeilen von Grönlandhai glaubt man noch, es mit einer humorigen Nummer zu tun zu haben. Dann wird klar, dass es um Einsamkeit geht. Ist der 400 Jahre alte Hai eine Metapher dafür, dass Quasi-Unsterblichkeit kein erstrebenswertes Ziel ist?

Mich faszinierte einfach dieses Bild eines so langsam lebenden Lebewesens, das vom Aussterben bedroht ist. Es geht um die Sehnsucht nach Licht, nach Wärme, nach Gemeinsamkeit, nach Familie. Was ist das für ein schräges Lebewesen, das mit nur einem Stundenkilometer schwimmt und erst nach 200 Jahren geschlechtsreif wird? Der Hinweis auf den Hai kam von meiner Tochter, mit der ich vergangenes Jahr in Grönland war. Alles, was schnell ist, nützt sich ab. Nur dieser Hai eben nicht.

Aber nicht einmal der Hai lebt ewig. Denken Sie über Ihr Vermächtnis nach, das Sie irgendwann hinterlassen werden?

Ich denke viel darüber nach, was ich in die Öffentlichkeit entlasse. Es gibt Dinge, die mir wichtig sind, ich aber nicht teile. Darüber nachzudenken, welche Nachhaltigkeit all dies hat, wäre nicht gut. Zu viel über die Vergänglichkeit meines kreativen Tuns zu sinnieren, würde mich hemmen. Wenn ich vergleiche, was Mozart, Mahler oder Schubert geschaffen haben, dagegen bin ich nur ein kleines Sandkorn. Da schaue ich lieber, dass ich im Hier und Jetzt präsent bin.

Im Sommer '21 kehren Sie nach Clam zurück. Welchen Stellenwert nimmt diese Location ein?

Clam war stets ein Hammer, auch wenn's oft geregnet hat! Eine Lieblingserinnerung von mir ist das Wahnsinnskonzert von Elton John vor drei Jahren. Daran denke ich oft und sehr, sehr gerne zurück.

Im Jahr 2024 wird Bad Ischl zur Europäischen Kulturhauptstadt. Würde es Sie reizen, sich künstlerisch hier stärker einzubringen?

Die Kulturhauptstadt ist eine großartige Geschichte. Am liebsten würde ich die Intendanz ja selbst übernehmen! Um den organisatorischen Aufwand, der damit einhergeht, zu bewältigen, bin ich aber zu sehr Künstler. Da müsste ich all meine Musen verscheuchen! (lacht) Kreativen Input wird's von meiner Seite sicherlich geben.

Hubert von Goisern: "Ich glaube dieses Gejammere nicht"

Profil 23. August 2020 | Text: Stefan Grissemann | Foto: Alexandra Unger

Hubert von Goisern über Corona- Schwarzmalerei, seine ökologischen Utopien und Dialogangebote an die Rechten.

Unter Österreichs Popstars ist Hubert von Goisern eine Anomalie: ein Alpenrocker mit Liebe zur Weltmusik, ein Politprediger mit literarischen Ambitionen. Drei Monate nach seinem Romandebüt veröffentlicht er nun ein neues Album. Ein Gespräch über Corona-Schwarzmalerei, seine ökologischen Utopien und Dialogangebote an die Rechten.

Den Corona-Shutdown bezeichneten Sie in Interviews als "geil", als eine schöne Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Muss man nicht recht privilegiert sein, um es so zu sehen können?

Doch, und ich handelte mir damit eh auch wieder einen Shitstorm ein. Ich verstehe natürlich die Einwände der Leute, denen es weniger gut geht als mir, aber soll ich lügen? Das kommt mir nicht in den Sinn. Ich kenne fast nur Menschen, die dieser Ruhephase etwas abgewinnen konnten. Meine Freunde in Kalifornien und Brasilien leiden sehr darunter. Das ist fürchterlich, was da abgeht, aber das war und ist bei uns in Österreich nicht so. Gut, keiner will's mehr hören, dass eine Krise auch eine Chance sein kann.

Für Sie ist sie das?

Ja. Es liegt an uns, und ich hoffe, dass wir als Weltgesellschaft den Druck aufbauen können, dass beispielsweise Kerosin endlich versteuert wird. Wie kann denn ein sieben oder acht Jahrzehnte altes Gesetz, das einst den Flugverkehr fördern sollte, noch in Kraft sein? Wieso kosten Zugreisen immer noch das Vierfache mancher Flüge zum selben Ziel? Es kann nicht sein, dass der dreckige Schiffsdiesel weiterhin steuerfrei gehandelt wird! Alle jammern, alles liege darnieder: Aber auf der Autobahn rauscht ein LKW hinter dem anderen her, ein Stau folgt dem nächsten, ohne Ende. Ich glaube dieses Gejammere nicht. Wer versucht, einen Handwerker zu kriegen, schafft es nicht, weil alle ausgebucht sind. Ich glaube inzwischen, dass es die Künstler am härtesten trifft. Und durch diese Krise muss sich die Spreu vom Weizen trennen; was ist wirklich essenziell, was brauchen wir? Was wir nicht brauchen, wird verschwinden. Diese Souvenirstände in den Tourismusorten verkaufen unnötig produzierten Plastikmüll, der die Welt nur belastet. Im Schnitt wird in Europa ein T-Shirt drei Mal getragen, dann wird es entsorgt. Die Nachhaltigkeit, von der wir schon seit zehn Jahren reden, ist jetzt essenziell. Wir müssen effizienter mit unseren Ressourcen und uns selbst umgehen.

War das Schreiben Ihres ersten Romans eine unumschränkt positive Erfahrung oder mitunter auch quälend?

Quälend war es nicht, aber ich hatte schon meine Stressmomente, in denen ich mir sicher war, dass ich das nicht hinkriegen würde. Mir war nur immer klar, dass ich es fertigschreiben wollte, denn wenn es Schwachsinn war, dann sollte es zumindest ein fertiger Schwachsinn sein. Ob es dann publizierbar sein würde, so sagte ich mir, entscheide ich am Ende. Aber ich wollte nicht darüber nachdenken, wer das dann lesen würde. Das hätte mich unter Druck gesetzt. Ich wollte mir beweisen, dass ich einen Roman schreiben kann. Als ich fertig war, hat Michael Köhlmeier mir die Rutsche zum Zsolnay Verlag gelegt, das war's. Ich ging gar nicht mehr zu anderen Verlagen.

Und Ihr neues Album entstand parallel zur literarischen Arbeit?

Ja. Während des letzten halben Jahrs am Roman begann ich mich wieder nach der Musik und dem Zusammenspielen zu sehnen. Man wird in dieser Einsamkeit schon schrullig, wie man an vielen Schriftstellern merkt. Immer wenn ich nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte, hab ich eine Gitarre oder eine Trompete genommen oder mich ans Klavier gesetzt - und hab vor mich hin gespielt, ohne komponieren zu wollen, einfach aus Flucht vor der anfänglichen Schreibsperre. Ich hatte ja anfangs keine Ahnung, wie man einen Roman überhaupt baut. Ich wusste nur, dass meine Heldin wegläuft, aber wohin sollte sie reisen? Diese zufälligen musikalischen Ideen, die mir da kamen, hielt ich fest, ließ sie aber liegen. Ich hab 2017 und 2018 sicher 20, 30 Ideen für Lieder gesammelt. Sie griff ich auf, als das Buch fertig war.

In dem Song Brauner Reiter klagen Sie die Idiotie des Ewiggestrigen an, aber Ihr Lamento klingt eher resignativ als kämpferisch, fast wie ein Angebot zur Versöhnung. Muss man Rechtsextreme nicht bekämpfen?

Ich bin zu der reflektierten Haltung, die ich in Brauner Reiter zur Schau stelle, im täglichen Umgang nicht immer fähig, bin nicht immer so handreichend. Aber im Prozess des Schreibens schaffe ich das.

Halten Sie Nazis für lernfähig?

Zumindest kann man mir nicht den Vorwurf machen, dass ich sie einfach nur schroff zurückweise. Ich akzeptiere sie nicht, aber ich möchte schon zu verstehen geben, dass es nicht an mir liegt, wenn wir nicht zum Dialog finden. Wenn ich mir allerdings die Postings der FPÖler zu meinen Liedern A Tag wie heut und Brauner Reiter anschaue, ist ein Dialogangebot vielleicht ohnehin ein bisserl optimistisch gedacht.

Muss Ihr Album nun in die Charts - oder reicht es, dass es da ist?

Ich mache schon Musik, damit sie auch gehört wird. Aber es ist wie mit meinem Buch: Als es fertig war und mir ein gutes Gefühl gegeben hat, war das Wichtigste schon passiert. Ich freue mich, dass mein Album so geil geworden ist, dass es derart aufgegangen ist, dass wir die Ideen wirklich ohne Einschränkungen umsetzen konnten. Vielleicht hab ich noch zu wenig Distanz dazu, aber ich entdecke bislang keine Enttäuschung: Mein Produzent hat gemeint, dieses Album sei von Anfang an unter einem besonderen Stern gestanden. Es war auch ein Glück, dass im Lockdown plötzlich alle Zeit hatten, um noch die letzten Aufnahmen zu machen.

Eine Art Verbot, sich mit anderen Menschen zu treffen, haben Sie in den Dekreten der Regierung nie gesehen?

Ich habe mich immer gewundert, wenn mir Leute aufgeregt erzählten, man dürfe nun nicht mehr das Haus verlassen. Für mich waren das Empfehlungen. Jeder, der wegen seiner Corona-"Übertretungen" Strafe bezahlt hat, ist selber schuld. Ich hätte das nie gezahlt.

Das Bußgeld kriegt man jetzt angeblich eh wieder zurück.

Ja, wenn's wahr ist. Aber man muss kämpfen drum.

HvG bei NDR Kultur à la carte

NDR 2. September 2020 | Foto: NDR


Proteine der Poesie

Nordbayern 28. August 2020

Vom Rap bis zur Operette und vom Rocksong bis zur Polka: So vielseitig klang der österreichische Weltmusiker Hubert von Goisern selten. Auch die Texte haben es in sich.

Drei alpenländische Worte für Tausendsassa? Hubert von Goisern. Nicht nur, dass der österreichische Weltmusiker und Liedermacher singen kann, dichten, jodeln, unzählige Instrumente spielen. Er versteht es, immer wieder neu zu erstaunen – auch auf seinem neuen Album Zeiten und Zeichen.

Während andere einfach in ein normales Tonstudio gehen, um aufzunehmen, wandert, reist und geistert der drahtige 67-Jährige nach wie vor in allen möglichen Geographien und Klanglandschaften herum. Rock, Walzer, Blues, Mariacci oder Polka zählen zu seiner musikalischen Hausapotheke. In der Vergangenheit war er in Tibet, den amerikanischen Südstaaten oder bei Jane Goodalls Schimpansen in Afrika unterwegs, um sich für Songs inspirieren zu lassen. Es gibt aber auch Zeiten, da geht er einfach nur mit der Mundharmonika in den Wald.

Als moderner Troubadour kleidet er auf Zeiten & Zeichen seine Geschichten in die buntesten musikalischen Gewänder ein – von schillernd bis zappenduster. Etwa im Song Freunde, bei dem sowohl der Heldentenor Andreas Schager als auch der Rapper Dame mit ihm vors Mikro treten, um ein erschütterndes Kapitel Musikgeschichte in Erinnerung zu rufen. Es geht um die tragische Freundschaft des Operettenkönigs Franz von Lehár (1870-1948) mit dem jüdischen Librettisten Bedrich Löwy (1887-1942). Obwohl von Lehár sowohl Hitler als auch Goebbels persönlich kannte, legte er kein Wort für den langjährigen Wegbegleiter ein, als in Österreich die Pogrome begannen. Trauriges Ende vom Lied: Löwy wurde im KZ erschlagen.

Der Eisbär wär so gern Veganer

Von Goiserns Gabe, ohne jede Eitelkeit packende Stories zu erzählen, setzte er 2020 erstmals literarisch um, sein Debüt-Roman Flüchtig erschien. Im Wechselspiel zwischen Ballade und Beschwingtheit, zwischen Melancholie und Ironie, lauert bei den 17 neuen Songs auf Zeiten & Zeichen manches Überraschungsmoment. Im Titel Eiweiß zum Beispiel. Es geht um einen Eisbär: "Er wär so gern Veganer und lutschert nur Stana … Er wird amoi Tibeter. Irgendwann später." Doch bis dahin steht er auf Fleisch und Blut, denn er braucht Eiweiß - um jeden Preis. Political correctness? Von Goisern setzt auf die Proteine der Poesie.

Im Gespräch: Liedermacher Hubert von Goisern

Deutschlandfunkkultur 1. September 2020 | Autor: Katrin Heise